Tbilisi (11. – 14. und 17. – 19. Mai 2012)

Am frühen Morgen komme ich von Baku her in Tbilisi an. Irgendwie irritiert es mich, dass einige Leute im Bus sitzen bleiben, während sie sagen “Tbilisi, Tbilisi”. Ich dachte der Bus fährt nur nach Tbilisi, warum bleiben die dann sitzen und “werfen” mich fast aus dem Bus? Meine Unsicherheit wird dadurch verstärkt, dass irgendwo weit ausserhalb der Stadt sind. Egal, es wird wohl Tbilisi sein und das Zentrum werde ich auch noch finden. Ich bin ja schon mal einen halben Tag hier in Tbilisi gewesen, dann werde ich das Old Town Hostel schon wieder finden. Wie so meist, wenn man aus einem Bus aussteigt, stürmen Taxifahrer auf mich zu. Die möchten mich irgendwohin fahren – hauptsache sie verdienen Geld. Aber 5 $ sind viel bis ins Zentrum – wenn schon 5 Lari… Nach einigem hin und her finde ich mit Hilfe vom Lonely Planet und den Taxifahrern heraus, dass ich mich beim Ortachala Bushof befinde. Einzig mühsam ist manchmal, dass ich für solche Aktionen den Tabletcomputer hervorkramen muss und nicht gleich ein Buch an der richtigen Stelle aufschlagen kann. Dank dem Lonely Planet finde ich heraus, dass ich mich etwa 2.5 km südöstlich vom Zentrum befinden soll. Das sollte auch zu Fuss machbar sein. Zudem ist es sowieso noch etwas früh am Morgen… Gesagt getan, laufe ich ins Zentrum der Stadt. Eine grobe Orientierung habe ich dank der Sonne, dem Fernsehturm und meinem Bauchgefühl. Der Weg zieht sich…
In Tbilisi nehme ich das Leben lockerer. Ich muss mich noch etwas von dem, was ich in Aserbaidschan erlebt habe, erholen. Zudem muss ich nicht mehr in jeder Stadt einfach all die Sehenswürdigkeiten abklappern. Ich habe das langsam statt. Eine Kirche ist eine Kirche und sieht überall mehr weniger gleich aus… Das gleiche gilt für Festungen, Burgen, Schlösser und so weiter. Natürlich gehe ich solche Sachen besuchen – irgendetwas muss ich ja machen – aber ich brauche nicht mehr alles zu sehen. In Museen gehe ich überhaupt nicht mehr, da müsste es schon etwas ganz Spezielles sein. Eigentlich ist es viel spannender, das Leben in der Stadt zu “spüren”.
Mittlerweile mag ich auch nicht mehr jede Stadt zu Fuss entdecken. Die Distanzen zwischen den einzelnen Orten sind irgendwann einfach zu gross. Doch das Bussystem, zu verstehen ist eine Kunst für sich, denn einen Plan vom Liniennetz habe ich nirgends gesehen. Dafür ist die Metro ein tolles Verkehrsmittel. Mit ihr kommt man schnell voran und das Liniennetz ist gut überschaubar – hier in Tbilisi sind es gerade zwei Linien. Die Metro hier in Tbilisi ist nach dem Sovjetsystem gebaut. Praktisch genau gleich findet man sie auch in anderen Städten, die früher zu Sovjetunion gehört haben, so auch in Baku. Erstaunlich ist, wie tief unter dem Boden die Metro hier in Tbilisi gebaut wurde. Man kann nur mit der Rolltreppe nach unten gelangen. Trotz der guten Metro stelle ich immer wieder fest, dass die Leute hier überhaupt keine Ahnung haben, wie man sich im öffentlichen Verkehr verhalten soll. Das beginnt mit der Rolltreppe. Die Leute stehen mal links mal rechts und meistens so, dass man nicht einfach daneben durchgehen kann, um etwas schneller nach unten zu gelangen oder sich im Treppensteigen zu trainieren. Das Ein- und Aussteigen aus der Metro ist auch ein absolut chaotischer Vorgang. Selbstverständlich steigt man zuerst ein und die aussteigenden Leute dürfen sich dann irgendwie dazwischen durchdrängen. An dieser Stelle möchte ich mich entschuldigen, wenn ich da kein Pardon kenne. Sorry, wenn ich mich beim Aussteigen breit mache und auch mal Leute auf die Seite ramme, um endlich aus der Metro zu kommen. Vielleicht lernen es die Leute ja mal. In Baku war das Verhalten der Leute beim Aus- und Einsteigen genau gleich. Doch dort haben dann in der Metro die Männer jeweils den Frauen und älteren Menschen einen Sitzplatz angeboten. Das beobachtet man hier in Tbilisi zu einem Teil auch, aber nie so extrem wie in Baku. In Baku erschien mir dieses Verhalten geradezu zwangshaft. Vielleicht ändert sich das in Baku ja noch im Zuge der Gleichberechtigung…
Für Tbilisi habe ich mir in ganz anderes Ziel gesetzt, als Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Weil ich bisher immer wieder in meinen Jeans geschwitzt habe und darin jeweils beinahe verschmachtet bin, sollen neue Hosen her. Eigentlich suche ich leichte, schnelltrocknende Outdoor-Hosen. Doch nun kommt das grosse Problem: wo findet man einen Laden Outdoor-Artikeln? Im Internet habe ich von zwei Sportläden gelesen, die solche Sachen im Sortiment haben sollen. Mit der Metro brause ich ins Zielgebiet, doch auch nach langem Suchen finde ich keinen der beiden Läden. Also muss ich mir eine andere Strategie entwickeln, wie ich das Objekt der Begierde finden könnte. In der “Rustaveli Street”, der Prachtsstrasse von Tbilisi hat es einige Sportläden. Jeweils einen Shop von Adidas, Nike und Puma. Doch von Outdoor-Hosen weit keine Spur. In der Nähe vom Bahnhof hat es einen Bazar. Hier finde ich garantiert Hosen – zu tausenden – nur nicht solche die ich will/brauche/suche… Dort hat es noch ein Shoping-Centre. Doch das besteht aus lauter kleinen Läden (ca 20 m^2) die immer das gleiche verkaufen. Da hat es zig Kleiderläden, doch keine Outdoor-Kleider. In der Nähe vom Bahnhof finde ich eine andere Shopping-Passage. Dort hat es auch ein paar Sportläden – doch die verkaufen nur Turnschuhe und vielleicht ein paar Fussballkleider. In Tbilisi besteht offenbar überhaupt keinen Markt für soche Hosen, wie ich sie suche… In einem der kleinen Läden habe ich Glück und finde ein paar Hosen. Doch dann sollte ich noch die passende Grösse finden… Ich frage nach, dann gehen wir in einen befreundeten Laden ein paar Schritte weiter und dort suchen wir die passende Grösse. Zurück im ersten Laden probiere ich die Hosen an. Doch irgendwie bin ich etwas unsicher, vorallem weil ich keine Referenzen/Vergleichsprodukte habe. Also schlafe ich erst nochmals darüber. Am nächsten Tag gehe ich nochmals in den zweiten und dann in den ersten Laden zurück. Schlussendlich habe ich zwei Hosen zur Auswahl und kann mich immer noch nicht richtig entscheiden. Vielleicht liegt es daran, dass ich meine genauen Bedürfnisse nicht kenne und auch noch keine Erfahrung mit solchen Outdoor-Hosen habe. Schlussendlich entscheide ich mich gegen die “Zipp-Off”-Hosen und wähle das sandfarbene Exemplar. Hoffentlich werde ich damit glücklich… Dass der Preis bei umgerechnet etwa 70.- Fr liegt ist ein anderes Thema. Hauptsache ich habe jetzt etwa das was ich suchte.
Ein ähnliches Problem wie beim Hosenkauf erfahre ich später. Meine Digitalkamara hat irgendwie Staub im Objektiv. In der Weitwinkeleinstellung sieht man das nicht, aber sobald ich versuche an ein Objekt heranzuzoomen, sieht man diese Stäubchen. Und den Staub wegzuputzen ist bei dieser Kompaktkamera so gut wie ausgeschlossen. Also bleibt mir nichts anderes als ein Ersatz. Bei der Shoppingpassage hat es überall Händy-Läden, die auch ein paar wenige Digitalkameras haben. Doch eine gleiche oder ein Nachfolgeprodukt meiner Kamera gibt es hier nicht. Zudem sind die Kameras dort in den Schaufenstern schon leicht angestaubt – also nicht gerade vertrauenswürdig. Im Bahnhofsgebäude gibt es auch noch zwei Läden mit Elektronikartikeln. Doch auch hier ist die Auswahl marginal. Schliesslich kaufe ich im “Shopping-Centre”, wo es auch überall kleine Händy-Läden mit wenigen Digicams hat, ein Produkt von Nikon. Eigentlich hätte ich gerne eine von Panasonic gekauft, doch davon findet man fast keine Kameras und wenn, dann teure oder solche, die kein Weitwinkelzoomobjektiv haben. Ich glaube nicht, dass ich mit diesem Nikonding glücklich werde. Für umgerechnet 170.- Fr. sollte man in der Schweiz zwar etwas finden, das mich befriedigen würde. Viel mehr Geld möchte ich nicht investieren, sind doch nur in Georgien gültig und wenn es nicht genau das ist, was ich will lohnt es sich auch nicht. Sehr wahrscheinlich sind die Kameras hier auch völlig überteuert. Das würde das kleine Sortiment erklären. Naja, mal schauen, was die Negativpunkte dieses Dings sind. Die ersten habe ich schon mal gefunden, ich kann das Bildformat nicht auf 3:2 einstellen. Nur dieses doofe 4:3 oder ein 16:9. Das Format 16:9 ist vielleicht für Panoramas toll, doch wenn man die Kamera im Hochformat hält – so schlank sind dann die Supermodels auch wieder nicht. Es wäre wirklich schön, wenn ich das Bildformat von den analogen und den digitalen Fotos gleich behalten könnte… Sonst passt da nie was zusammen. Dann weiss ich auch nie, wo diese Kamera hin fokusiert. Und schliesslich hat sie 16 Megapixel! Wow! Das steigert mein Potenz (im Fotos machen natürlich) unglaublich… Ich sehe es kommen, glücklich werde ich mit diesem Teil nicht. Ich suche jetzt schon ein Opfer, dem ich diese Kamera (Nikon Coolpix S3300) nach meinen Ferien schenken kann! Freiwillige meldet euch bitte :-)
Über das Wetter möchte ich gar nicht viele Worte verlieren, denn es ändert sich sowieso immer wieder. Gerade jetzt scheint die Sonnte, dann ziehen Wolken auf und ein kräftiger Gewitterregen prasselt über die Stadt ein. Es regnet so fest, dass sich die Strassengräben in reissende Bäche verwandeln… Es gibt hier also alle Varianten ;-)
Ein ganz spezielles Thema ist wohl die Religion und die Kultur der Georgier im Allgemeinen. Im Gegensatz zu den Nachbarländern Türkei und Aserbaidschan ist Georgien christlich geprägt. Doch christlich heisst hier noch lange nicht, dass es so liberal wie bei uns in der Schweiz zu und her geht. Denn hier sind die Leute christlich orthodox. Und gerade das orthodoxe, konservative spürt man auch. Mir kommen gewisse Verhaltensmuster der Georgier genau so konservativ vor, wie man sie aus islamischen Regionen kennt. Die ersten Fragen, die mir hier zuerst gestellt werden sind “Wie alt bist du?”, “Bist du verheiratet?” und “Warum bist du nicht verheiratet?”! Und das reflektiert gerade auch viele georgische Stereotypen. Denn geheiratet wird meist in für meine Verhältnisse jungen Jahren. Vor allem auf den Land scheinen mir die Ehen auch etwas arrangiert. Auch haben die Georgier früher Kinder als wir. Wobei es ist manchmal doch erstaunlich ist, dass überhaupt Kinder entstehen. Denn auf dem Land leben die jungen Ehepaare oft bei ihren Eltern im Haus. Da gibt es wohl tausende Faktoren, die das Liebesleben stören. Auch eine Art von Verhütung und Familienplanung… Dann kommt auch hier die typisch Rollenverteilung zum Tragen. Die Frauen stehen hinter dem Herd und sind für den Haushalt verantwortlich. Und die Männer – machen nichts oder spielen…
Die Georgier erscheinen mir in meinen Augen sehr religios. Jedesmal, wenn sie ein Kreuz oder eine Kirche sehen, “schlagen sie Kreuze”, das heist mit der rechten Hand zum Kopf, dann Bauch, rechte Schulter, linke Schulter. Im Falle von einer Kirche wird das üblicherweise drei mal wiederholt. Dass man ein Kreuz vor oder in der Kirche mal küsst scheint ebenfalls zu dem Standardverhalten zu gehören, wie das Küssen der vielen Bilder der Heiligen mit ihren goldenen Heiligenscheinen. In den Kirchen werden diese Bilder deswegen extra durch Glasscheiben geschützt. Bei grösseren Kirchen oder auch in Städten findet man auch oft Läden, die Heiligenbilder für den Heimgebrauch verkaufen. Entsprechend findet man bei Familien zu Hause meist auch eine Ecke mit einem Tisch mit Heiligenbilder, Kruzifixen und solchen Sachen. Ebensooft trägt man natürlich ein Kreuz um den Hals. Geht man dann in eine orthodoxe Kirche, sticht einem sofort die Weihrauch-geschwängerte Luft in die Nase. Dann hängen dort eben viele dieser glasscheibengeschützen Heiligenbilder, welche durch das schwache Licht kleiner Öllampen, die davor hängen, beleuchtet werden. Wie in katolischen Kirchen zündet man auch dünne Gedenkkerzen an. Doch am Augenfälligsten in den orthodoxen Kirchen ist, dass sie einen gewaltigen Konstruktionsfehler aufweisen. Anscheinend hat beim Bau niemand daran gedacht, dass man vielleicht auch Gottesdienste in den Kirchen abhalten will. Denn man schlicht und einfach vergessen Sitzgelegenheiten wie Bänke einzubauen. Nicht gerade eine bequeme Art, einen Gottesdienst abzuhalten. Oder ist das eine Methode, damit die Besucher nicht einschlafen? Naja, alles in allem Verhalten sich die orthodoxen Christen in meinen Augen sehr religiös und mir erscheint es etwas weltfremd.

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1 thought on “Tbilisi (11. – 14. und 17. – 19. Mai 2012)

  1. Papi

    Hoi Rolf,
    dankä für da tolli Geburrigschänk – aber Duu, isch äs denn gschiid , wenn i d Rita mit uf Hamburg mitnimm ? … hää joo, villicht chan i mi mal abschliichä und äs Nachtläbä au äleigä gnüssä ? wa meinsch , känsch scho än Typ ?

    Und dankä au für die vilä schönä Phötäli, wo Du wiider ufägladä hasch !
    Liäbi Grüässli und B.X. !! Papi

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